Das Tagebuch

Wir sind Sternenstaub, was Konsequenzen hat.

14. Juli 1953, Paris

Ich bin überzeugt, wir sind Bewusstsein, bewusster Geist, unsterblich, und leben in einem sterblichen Körper, einer Hülle, die wir irgendwann ablegen. So eine Aussage missfällt vielen, ich weiß. Materialisten meinen, wir wären nichts anderes als Sklaven unseres neuronalen Durchfalls.

Apropos neuronaler Durchfall:
Nicht immer hat man sommerwarme Erinnerungen zum Einlagern für den Winter, und schnell kann aus einem Kirschblütenfrühling ein rauer Herbst werden. Ich spreche nicht vom Klima, nein, von Erinnerungen. An Menschen. An Beziehungen.

Ein „Knochen“ war X für mich. Glatt, hart, ein, wie meistens, mit der Zeit verhärteter Knochen. An dem sich schon viele vorher manchen Zahn lädiert hatten. Vielleicht war X ein freigelegtes und vergessenes Fossil. Ich kaute voller Enthusiasmus probeweise drauf rum. Welch unbedarfte Herangehensweise. Der Mund als unser Erkenntniswerkzeug, wie Dali sagte, taugte hier natürlich nur bedingt.

Manche Menschen lieben bildendende Kunst, Literatur, und natürlich die Philosophie und verbreiten per sms Wittgenstein-Zitate und andere Intellektualitäten. X gebärdete sich als Hagen Tronje des Samsung Galaxy Zeitalters. Jede Bemerkung stach an der ungeschütztesten Stelle, aber nur zeitlose Sprachperlen sind gut geschmiedete Waffen für den, der sie zu handhaben weiß. Solche Übertreibungen nahm X huldvoll von mir entgegen. Leidlich glaubwürdig verkörperte er den unruhigen, zerrissenen, verschrobenen, narzisstischen Helden, so lässig wie konservativ, dekadent, undurchschaubar, scheinbar gefühlsarm, nicht greifbar. Mit einer tiefen Angst vorm Sterben und davor, nicht genügend gelebt zu haben. Ein zeitloser Dorian Gray, der sich mit einer Beiläufigkeit auch aus den ihm zugetansten Herzen herauszuspielen verstand.

Ich muss zugeben – diffuso! – ich mochte den Knochen.
Als ich mich über ihn beugte drang mir ein Knochensplitter ins Herz, wie der Splitter der Schneekönigin in Kais Auge, und er in mich ein. Tief!

Zurückgeführt auf das, was wir gemeinsam hatten, ergab sich: Wir sind Sternenstaub. Entstanden vor 13,5 Milliarden Jahren. X sagte: Du bist eine Sonnenblume. Ich trotzte. Ich war keine Sonnenblume, sondern ein widerständiges Gänseblümchen in einem englischen Rasen. Ein Gedicht hatte es mir zugeflüstert.

Blümchen erzählen wispernd „Es waren einmal“ Märchen. Andere, Feen vielleicht, spinnen sommerwarme Episoden für kalte Wintertage in ihr Haar und kuscheln zärtlich mit rotem Toskanawein. Doch widerständige Gänseblümchen? Ein englischer Rasen ist kein Ort um Gaia zu huldigen, könnte man meinen, aber: „Life gives us exactly the teacher we need. Every moment is the Guru.”

In einer dunklen Höhle findet man keinen Prinzen, sondern nur die Knochen prähistorischer Mahlzeiten.
Inter canem et lupum (Lat.: in der Dämmerung) verirrt, in einer Einsamkeit so groß wie ein Penthouse, zu viel Wasser in eine Tasse gegossen, mutig in einer vermeintlichen Freiheit kein Glück gefunden.

Während wir von den Zitaten zehrten, die uns andere so großzügig überlassen hatten, verwandelte X sich manchmal in einen Seeigel. Wo ich auch hintrat, er rollte mir unter den Fuß. Das hakte schmerzlich.
Da es ohne Architektur keine Erinnerung gibt bau ich mir einen Sandkasten. Dort stell ich alle Schlachten zwischen uns nach, an der Spitze ein Buxbaum in einem XXXSmallPanzer, an dem sich jeder die Finger bricht. Auch ein Rosenzweig kann eine Hellebarde sein.

Ein Manövertipp: Die Verteidigung der Missionarsstellung allein schützt nicht unbedingt gut gegen Nordwind.

Vergrabe den Knochen an einer pfiffigen Textpassage.
Werde Wien einnehmen, Gärten nennt. Mag das.
Werde Kirschbäume pflanzen und einen one-hour-stand lang ihre Blüten regnen lassen.

Mit einem finalen Farbschuss an die Wand lade ich mir eine Poesie-App runter ins Leben.

Nur bei Knochen, Seeigeln und Wittgensteinzitaten werde ich vorsichtiger sein.

In Zukunft.

Oder auch nicht.

Wir sind Sternenstaub. Was Konsequenzen hat. In einem sich rasch ausdehnenden Universum sind wir dann nämlich – das ist fast wie „unsterblich“, oder besser??? wir haben ja schließlich noch so viel vor – unendlich JUNG!!!



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